Leben in Portugal

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Portugiesische Weihnacht

Portugiesische Weihnacht

Es war mein erstes Weihnachten in Portugal. Mein Liebster musste arbeiten, und so stellte ich mich schon auf einen einsamen Abend ein. Okay – wenigstens hatte Tómane am ersten Weihnachtsfeiertag frei. „Da arbeitet in Portugal wirklich fast niemand“, sagte er. „An natal sind sogar alle Geschäfte geschlossen, alle Restaurants und Bars, sogar die centros comerciais – also die Einkaufscenter.“ Aber bis dahin tobt der Weihnachtswahn.

Bereits zu Beginn des Advents werden in Stadt und Land die meisten Häuser geschmückt: mit Kugeln, Lametta, Tannenzweigen, kletternden Weihnachtsmännern und – da sind die Portugiesen sehr modern! – allem möglichen, am besten grell blinkendem und leuchtendem Elektroschmuck. Laute Weihnachtsmusik ist sowieso ein Muss! Überall. Auch in den Gässchen von Monchique, wo ich mittlerweile lebe.

Die Straßen in den Innenstädten und selbst Dörfern sind wirklich sehenswert: Jede Gemeinde bemüht sich um besonders schöne Gestaltung. Weihnachtsmärkte wie in Deutschland gibt es eher nicht, dafür aber fast immer eine Krippe, die oft in einer richtig schön gestalteten Landschaft steht, mit Dörfern drum herum und oft lebensgroßen Figuren. Manchmal sogar einem lebenden Esel, Ochsen oder ein paar Schafen. Krippen gehören in Portugal überall zum Weihnachtsfest – und eine kleine Ausgabe findet sich selbstverständlich in wohl fast jedem Familienhaushalt.

 


Weihnachtskrippe in Portimão (2010)

Glücklicherweise musste ich an meinem ersten Heiligabend in Portugal nicht allein zu Hause sitzen. Es kam alles anders, und ich lernte ein bisschen mehr vom portugiesischen Weihnachten. Ein bisschen wusste ich ja schon von den Vorjahren, als mein Liebster und ich noch in Deutschland lebten. Da erzählte er mir nämlich allen Ernstes, dass der Christbaum bitteschön nicht erst an Heiligabend geschmückt und aufgestellt werden dürfe, sondern – „das ist bei uns so!“ – schon am 1. Dezember. Und dann: „Natürlich kaufen wir keinen echten Baum, sondern einen künstlichen, mit elektrischen Kerzen. Ist auch viel sicherer!“ Mir war das zwar ein Graus, aber um des lieben Friedens willen machte ich mit. Mittlerweile werden aber auch in Portugal Fichten und Tannen im Topf angeboten, vor allem von den deutschen Discountern, aber auch von manchem Gartencenter. Aber immer noch ist so ein „echter“ Christbaum eher die Ausnahme. Vielleicht ganz gut so: Denn weil man den Baum bereits Anfang Dezember aufstellt, hätte er an Heiligabend sicher keine Nadeln mehr…

Der 24. Dezember ist ein ganz normaler Arbeitstag, stellte ich beinahe entsetzt fest. Die Geschäfte haben bis 21 Uhr geöffnet und man sieht wahre Völkerwanderungen von Portugiesen noch bis Ladenschluss beim Kauf letzter Geschenke. Trotzdem kam genau für Heiligabend eine Einladung zum Weihnachtsessen, und zwar von meiner Freundin Adriana. „Da sind wir allerdings mindestens zehn Leute“, meinte sie. „Nur dass du dich drauf einstellen kannst! Und bitte tu mir einen Gefallen: Stürz dich nicht in Unkosten und bring etwa für jeden ein Geschenk mit!“

Ganz ohne Geschenke am Weihnachtsabend? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Aber dann hatte ich eine Idee: Ich bat meine Familie, mir aus der  Heimat einige typische Adventsleckereien zu schicken – nicht die üblichen Produkte, die es auch beim deutschen Discounter in Portugal gibt, sondern schon ein bisschen etwas Besonderes. Und nachdem meine Schwester wirklich hervorragende Plätzchen bäckt, wurde sie ebenfalls „verpflichtet“, mir zur Seite zu stehen und eine Auswahl ihrer besten Kekse gut verpackt auf den Weg zu bringen.

Kurz vor Heiligabend rief ich nochmals bei Adriana an: „Soll ich ein bisschen früher kommen und dir in der Küche helfen? Und ich bring keine Geschenke, aber etwas zum Naschen mit, okay?“

Adriana war begeistert: „Auf leckere Advents- und Weihnachtssüßigkeiten freu ich mich! Aber früher kommen musst du nicht – meine Mutter lässt es sich nicht nehmen, mir an diesem Tag schon ab morgens zur Seite und vor allem am Herd zu stehen!“

Ich war ein bisschen aufgeregt, als ich dann – überpünktlich für portugiesische Verhältnisse! – gegen 20 Uhr bei Adriana klingelte. Was würde mich erwarten? Hoffentlich mochte ich das typisch portugiesische Weihnachtsessen. Was es da wohl überhaupt geben würde?

Um es kurz zu machen: Gerade das Essen ist für mich ein ziemlicher Reinfall. Ich habe wirklich nichts gegen bacalhau (Stockfisch); es gibt etliche Rezepte, die ich sogar richtig lecker finde. Aber das portugiesische Heiligabend-Stockfisch-Rezept gehört leider ganz und gar nicht dazu: Es gibt üblicherweise nämlich bacalhau cozido. Nicht gerade das, was man sich so als Weihnachtsessen vorstellt – und es fiel mir wirklich schwer, höflicherweise wenigstens ein bisschen Begeisterung vorzutäuschen.

Früher gab es den gekochten Stockfisch erst nach der missa do galo (der Mitternachtsmesse). Heute ist das anders, denn auch Portugiesen gehen nicht mehr unbedingt nachts in die Kirche, sondern erst am kommenden Feiertag, dem 25. Dezember. Deshalb gibt es bacalhau cozido ganz normal zum Abendessen, und zum Rezept gehören traditionell batatas cozidas, grelos und grão – gekochte Kartoffeln, Gemüse aus Steckrübenblättern sowie gedünstete Kichererbsen. Portugiesischer geht’s kaum!

Eine wirklich leckere Tradition sind allerdings rabanadas: Weißbrotscheiben, durch Milch gezogen und in Butter gebraten, danach mit Zucker und Zimt bestäubt und sofort serviert. Ein Muss ist außerdem der Weihnachtskuchen bolo rei. Das Besondere daran: Beim Selbstgebackenen kommen traditionell ein kleines Geschenk und eine Saubohne hinein – als Symbol der Gaben, die von den heiligen drei Königen an der Krippe niedergelegt wurden. Wer das Geschenk in seinem Kuchenstück findet, soll im kommenden Jahr das Glück gepachtet haben. Und wer auf die Saubohne beißt, muss den bolo rei fürs kommende Weihnachtsfest spenden. Ich hatte damals doppeltes Glück: Meine Zähne blieben nämlich heil, als ich aufs Geschenk biss…

Am eigentlichen Weihnachtstag (also dem 25.12.) trifft sich die ganze Familie zum Mittagessen. Ganz typisch ist das Gericht farrapo velho (oder roupa velha). Sparen Sie sich das Nachschlagen im Wörterbuch: Die Portugiesen essen nicht tatsächlich „alte Lappen“ bzw. „alte Klamotten“! Sondern man zerkleinert die Reste vom Abendessen und brät sie mit viel Knoblauch an. Erst danach gibt es das richtige Weihnachtsessen – und diesmal Fisch und Fleisch. Und da kennen die Portugiesen dann kein Halten mehr: Ein Truthahn, gerne gefüllt, wird heute genauso serviert wie vieles andere. Der Tisch muss sich biegen unter dem Angebot an Leckereien – so ähnlich wie in Deutschland ist’s eine echte Völlerei. Mit dem kleinen Unterschied, dass man in Portugal keinen zweiten Weihnachtsfeiertag zum Ausruhen kennt…

So sehr ich mich natürlich über Adrianas Einladung freute, so sehr staunte ich allerdings, dass Heiligabend in Portugal kein reines Familienfest ist. Nicht nur Adrianas Mutter war zu Gast, sondern neben dem Bruder ihres Mannes Rui außerdem noch ein Arbeitskollege und die Wohnungsnachbarn. Auch auf dem Land – so erfuhr ich – feiert man mit der ganzen (Groß)Familie am 24. Dezember die noite de consoada und lädt die Nachbarn dazu ein. Man isst und trinkt und geht in die missa do galo (die „Hahnenmesse“ – also die Mitternachtsmette). Für den menino Jesus – das Kind in der Krippe – bringt man Früchte und Geschenke mit. Nach der Messe versammelt sich die ganze Dorfgemeinde vor der Kirche um ein großes Feuer, bei dem traditionell ein ganzer Baumstamm verbrannt wird.

Ich lernte an diesem Abend bei Adriana allerdings, dass es in ihrer Familie gar nicht mal sehr typisch portugiesisch zugeht. „In unserer Familie schenken wir untereinander mittlerweile kaum etwas“, erklärte mir Adriana nämlich. „Die Kinder werden natürlich mit Geschenken verwöhnt. Üblich ist es aber normalerweise, dass man selbst allen im weiteren Bekanntenkreis kleine Präsente macht – bei der Friseurin, die einen stets bedient; bei der Marktfrau, beim Bäcker und beim Apotheker. Das geht ja ganz schön ins Geld.“ Jetzt wurde mir klar, warum viele Banken im Advent für extra Kredite werben...

Übrigens: In Portugal werden die Geschenke vom Pai Natal – also „Vater Weihnacht“, dem Weihnachtsmann – gebracht. Den menino Jesus gibt es zwar auch, aber wie unser Christkind ist er nicht als Überbringer der Päckchen und Pakete im Einsatz.

Die Sache mit dem künstlichen Christbaum kannte ich ja nun schon. Was ich aber nicht kannte, war, dass unter diesem Baum wahre Berge an Geschenken aufgehäuft waren. Alles für Adrianas Kinder. Und ich erfuhr außerdem noch, dass all diese bunten Päckchen schon seit Anfang Dezember nach und nach darunter gelegt wurden. Was sollte ich davon halten? Weiß ich doch noch aus meiner Kindheit, wie aufgeregt meine Schwester und ich an Heiligabend waren, wenn endlich die Geschenke zu sehen (und natürlich auszupacken!) waren.
In Portugal ist das anders: Da freuen sich die Kinder bereits ab Anfang Dezember, denn sie können all die Geschenke bestaunen, die sich nach und nach unterm Baum ansammeln. Wahrscheinlich ist das alles Gewohnheitssache: einmal staunen und sich freuen wie in Deutschland. Oder schon ab 1. Dezember voller Spannung jedes neue Päckchen wenigstens von außen begutachten und sich vorstellen, was drin sein mag…

Alles ist stets perfekt verpackt, denn Geschäfte und sogar Supermärkte bieten im Advent einen speziellen Geschenke-Pack-Service. Hier bilden sich lange Schlangen von Kunden, die brav anstehen, um ihre Geschenke hübsch verziert einpacken zu lassen (und sich nicht daran zu stören, dass stets ein Hinweis auf den Laden dabeisteht).

Was ich wirklich toll finde am portugiesischen Weihnachtswahn: Es gibt jedes Jahr bereits Anfang Dezember eine spezielle Aktion für all jene, die auf der dunkleren Seite des Lebens stehen. Dafür werden am Eingang der Supermärkte an alle Kunden Plastiktüten ausgegeben. Da hinein sammelt man während des Einkaufs alle möglichen Waren und zahlt sie an der Kasse.
Die gefüllten Tüten – meist mit Grundnahrungsmitteln – werden als Spende durch die Banco alimentar an Obdachlose und bedürftige Familien weitergegeben. Eine schöne Geste – und gerade im weihnachtlichen Konsumrausch scheint es mir wichtiger als alles andere, dass jedes Jahr fast alle Portugiesen bei dieser Aktion mitmachen und spenden. 

 

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