Fotos: Luis Correira (privat)

Der 25. April 1974 in Lissabon - ein Zeitzeuge erzählt:

Mein erster Arbeitstag, der nie existierte

Die Vorgänge in diesem Land waren ungewöhnlich in den letzten 3 Wochen. Mein persönliches Politbarometer in Portugal schlug täglich aus in alle möglichen Richtungen - und das ohne vorherige Warnung. Ich fühlte es - Portugal war ernsthaft krank. Ich wusste: "Das ist eine chronische Erkrankung, ohne Aussicht auf Heilung - auch nicht mit einer größeren Operation-" Und ich war total ahnungslos, welche Krankheit es sein könnte.

Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Die Sonne schien, die Luft war klar und die Stadt glänzte wie eine Kristallkugel. Alle Bäume waren jetzt grün, mit frischen Trieben und Frühlingsblumen schossen überall hervor. 

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Fotos: Luis Correira (privat)

Das alles beobachtete ich aus meinem Fester im obersten Stockwerk des Gomes Freire Gebäudes. Die Sicht war einfach umwerfend. Man konnte fast ganz Lissabon überblicken. Alles schien friedlich und ruhig an diesem herrlichen, sonnigen Morgen. Nur die Tore der Militärakademie waren geschlossen, obwohl sie um diese Zeit hätten weit offen sein müssen - und ich bemerkte innen im Hof eine kleine Rangelei zwischen vier oder fünf Soldaten, aber nichts Gravierendes oder Außergewöhnliches.

Es war vielleicht so gegen 8 Uhr morgens und ich dachte mir: "Das ist meine Heimat. Das allgemeine Klima ist zwar gereizt, aber wen interessiert das schon; wahrscheinlich nur eine leichte Verspannung, die rasch wieder verschwunden sein wird." 
Unten auf der Straße, als ich in mein Auto steigen wollte, rief mir der Vater meines Freundes Fernando etwas zu, was ich jedoch nicht verstand - so antwortete ich: "Ja, was für ein herrlicher Morgen".

Stolz und glücklich fuhr ich über Estefânia in Richtung Flughafen in meinem brandneuen, helloragenen Sunbeam. Der Verkehr war eher mäßig an diesem Morgen. Mein größtes Problem war nur diese blöde Musik im Auto. Der einzige Sender, der zu hören war, war ein Sender mit typischer Volksmusik aus dem Alentejo - nicht gerade mein Musikgeschmack - und alle anderen Sender waren irgendwie nicht zu empfangen. 
-"Oh oh - nicht gut. Ein nagelneues Auto und schon ist das Radio kaputt." Ich stellte das Radio aus, um nicht immerzu fortwährend dieses schreckliche "Grandola Vila Morena" hören zu müssen.

Rotunda do Relógio - der Kreisverkehr mit der großen Uhr im Grünen, war die Hauptverbindung zum Flughafen
In den Kreisverkehr einzufahren war kein Problem, auch ohne Ampel. Als ich Richtung Flughafen ausfahren wollte, wurde ich von einem Soldaten angehalten. Einige andere Soldaten standen herum und ich glaube, ich sah auch einen Armee-Mannschaftswagen.

"Was ist los?" fragte ich.
"Die Straße ist gesperrt, Sie können nicht weiterfahren, tut mir leid", antwortete er.
"Wie, sind Sie wahnsinnig oder was? Ich kann nicht weiterfahren? Wissen Sie, was das für mich bedeutet? Ich habe heute meine ersten Arbeitstag bei der TAP und Sie sagen, ich kann nicht weiterfahren? Sie ruinieren meine Zukunft! Mein ganzes weiteres Leben hängt davon ab und Sie verbieten mir die Weiterfahrt? Das können Sie nicht machen!" 
Es wäre mein erster Lehrgangstag zum Flugbegleiter bei der portugiesischen Luftfahrtgesellschaft geworden. 
"Ist gut, regen Sie sich nicht auf und warten Sie bitte einen Moment!"
Er kam mit seinem Vorgesetzten, einem Unteroffizier zurück.
"Sie dürfen nicht weiterfahren, das gesamte Gebiet ist gesperrt."
"Das ist unmöglich, ich muss zum Flughafen, weil blablabla..." Ich erzählte ihm das Gleiche nochmal.
"Ah so, warten Sie bitte einen Moment."
Dann kam der Feldwebel. Die gleiche Geschichte von vorne.
"Ok, warten Sie bitte einen Moment"
Dann erschien der Leutnant an meinem Autofenster und sagte im Befehlston.
"Drehen Sie bitte um und fahren Sie nach Hause"
Ich schrie: "Aber... verstehen Sie nicht? Die feuern mich gleich an meinem ersten Arbeitstag!"
Es war der Leutnant, der sich erneut zu mir drehte und ganz ruhig sagte:
"Nichts dergleichen wird passieren, weil wir soeben dabei sind, die gesamte TAP zu evakuieren. Keiner wird Sie dort vermissen. Vertrauen Sie mir. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort - Sie werden Ihren Job behalten. Also drehen Sie jetzt bitte um und fahren Sie nach Hause."

Zu Hause angekommen bekam ich einen Anruf meiner Freundin Maria: "Bleib im Haus - geh nicht auf die Straße. Wir haben eine Revolution im Land.
"Revolution? Was ist eine Revolution?"

Jetzt - nach 36 Jahren als Flugbegleiter um die ganze Welt, weiß ich, was Revolution ist. Eine Revolution ist, was wir heute um uns herum in Portugal sehen. Ich würde gerne den Leutnant von damals wieder treffen und ihn umarmen für seine besinnenden und ehrlichen Worte, die ich niemals vergessen werde.

Seitdem wird jedes Jahr in Portugal am 25. April an diesen Tag erinnert und ein großes Fest gefeiert.
Ich denke manchmal, sie machen es zum Gedenken an meinen ersten Arbeitstag bei der TAP, der nie existierte...

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